Rassismus macht krank

Mikroaggressionen und verbale Gewalt: Eine Studie der Dokustelle Österreich zeigt, welche Folgen Rassismus im Gesundheitssystem hat. Von Ümmü-Selime Türe

Sitze im Wartebereich eines Krankenhauses
Foto von Fran Jacquier auf Unsplash

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Das ist die Zusammenfassung von einem Artikel über Rassismus im Gesundheits-System. Ummü-Selime Türe hat ihn geschrieben. Ümmü-Selime Türe arbeitet bei der Dokumentations- und Beratungsstelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus, kurz: Dokustelle.

Sie erzählt: In ihrer Kindheit haben Verwandte viel über Krankheiten geredet. Sie waren erst 40 Jahre alt, aber sie sind Ümmü-Selime Türe sehr alt vorgekommen. Heute sagt Ümmü-Selime Türe: Lebensumstände wie Rassismus-Erfahrungen lassen Menschen schneller altern.

In Österreich gibt es bisher keine großen Studien zu Rassismus im Gesundheits-System. Die Dokustelle hat nun eine Studie durchgeführt. Menschen konnten dafür an einer Umfrage teilnehmen. Die ersten Ergebnisse zeigen: Muslimisch gelesene Menschen machen ähnliche Erfahrungen wie andere Menschen, die Rassismus erleben. Sie erleben oft Abwertungen bei Ärzt:innen. Zum Beispiel erleben sie Abwertung, wenn sie ein Kopftuch tragen. Oder ihre Beschwerden werden nicht ernst genommen.

Aus Untersuchungen zum Beispiel aus den USA weiß man: Rassismus kann krank machen. Diskriminierung löst Stress aus, das kann den Gesundheits-Zustand verschlechtern. Alltagsrassismus kann psychisch und körperlich sehr belastend sein. Menschen mit Migrationsbiografie sind außerdem häufiger armutsbetroffen und arbeiten häufiger in Jobs mit schlechten Bedingungen. Deshalb haben sie auch einen schlechteren Zugang zur Gesundheits-Versorgung. Das wirkt sich auf die betroffenen Menschen aus. Sie haben zum Beispiel häufiger chronische Erkrankungen. Wenn Menschen schlechte Erfahrungen im Gesundheits-System machen, haben sie auch weniger Vertrauen in Ärzt:innen. All das kann die Gesundheit massiv belasten.

Ummü-Selime Türe sagt: Wir brauchen ein Gesundheits-System, das für alle Menschen da ist. Nur so können wir allen Menschen ein gutes, würdevolles Leben ermöglichen.

Brigitte Theißl hat diese Zusammenfassung geschrieben. Hast du Fragen zum Text? Schreib an die Redaktion: be(at)ourbodies.at

Ich höre, wie sich meine Tanten, Großtanten und Onkel unterhalten: „Welches Medikament hat dir der Arzt verschrieben gegen Bluthochdruck?“ – „Diesmal habe ich X bekommen.“ Meine Großtante antwortet: „Y hat mir gar nicht geholfen, jetzt versuche ich es mit Medikament Z“. Solche Gespräche erlebe ich seit meiner Kindheit, damals war ich 6 oder 7 Jahre alt. Krankheit war ein großer Teil meines Lebens, sie war omnipräsent. Schon seit meiner Kindheit wusste ich von Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Schilddrüsenerkrankung, Rheuma oder Migräne. Meine Tanten und Großtanten waren damals ungefähr 40 Jahre alt. Für mich wirkten sie sehr alt. Nicht, weil sie tatsächlich alt waren, sondern weil ihre Lebensumstände – z.B. Rassismuserfahrungen – sie altern lassen haben. Das würde ich erst Jahre später realisieren. 

Rassismus im Gesundheitswesen

In einem Land wie Österreich mit einem gut ausgebauten öffentlichen Gesundheitssystem ist die Gesundheitsversorgung in vielen Bereichen kostenlos und bietet versicherten Menschen Zugang zu einer medizinischen Behandlung – auch wenn Selbstbehalte steigen und der Anteil an Kassenärzt:innen sinkt. Das Aufsuchen einer ärztlichen Ordination kann jedoch auch für versicherte Menschen mit verschiedenen Hürden verbunden sein: Diese reichen von sprachlichen bis hin zu physischen Barrieren und erschweren damit eine medizinische Behandlung. Ein Arztbesuch kann auch emotional belastend sein, wenn man sich nicht ernst genommen fühlt oder ungleich behandelt wird. Darüber berichten unter anderem viele von Rassismus betroffene Menschen – eine zusätzliche emotionale Last zu den bereits vorhanden gesundheitlichen Beschwerden. Solche Erfahrungen werden oft als Einzelfälle abgetan. Doch diese Mechanismen und Machtdynamiken sind eine weitere Form einer gewaltvollen Struktur, die marginalisierte und rassifizierte Menschen systematisch benachteiligt und ungerecht behandelt. Sie ist nicht nur im Gesundheitswesen zu finden. 

Eine Lebensrealität geprägt von struktureller Gewalt

Benachteiligung im Alltag, schlechterer Zugang zur Gesundheitsversorgung, Stress und Diskriminierung im Alltag können den Gesundheitszustand verschlechtern. Wenn Migrant:innen und rassifizierte Menschen überproportional häufig in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, kann das langfristig zu schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Im Vergleich zu Menschen ohne Migrationsbiografie sind sie häufiger von instabilen Arbeitsverhältnissen, Arbeitslosigkeit und Armutsgefährdung betroffen. Diese mehrfache Vulnerabilität verstärkt die Angst vor Jobverlust, erzeugt materielle Unsicherheit und führt zu körperlichen Beschwerden. Oft wirkt sich diese Verkettung von ungünstigen Lebenssituation – wie schlecht bezahlte Arbeit, weniger gute Ausbildung und prekäre Wohnsituation – auch auf die Folgegeneration aus. Dies kann sich sowohl materiell als auch gesundheitlich, etwa durch erhöhte Stressbelastung oder chronische Erkrankungen, zeigen. Rassistische Gewalt im Alltag manifestiert sich strukturell, institutionell und individuell und hat Auswirkung auf die einzelnen Personen, die davon betroffen sind. 

Fehlende Datenlage

Studien im deutschsprachigen Raum über die Auswirkungen von Diskriminierung und rassistischer Gewalt gegenüber Black and People of Colour (BPoC) und Menschen mit Migrationsbiografie sind kaum vorhanden. Ebenfalls gibt es wenig Daten dazu, wie sich rassistische Gewalt in der Gesundheitsversorgung auf die Gesundheit von Menschen auswirkt. Es gibt vereinzelt Studien darüber, wie der Gesundheitszustand von migrantischen Personen im Vergleich zu der Allgemeinbevölkerung aussieht, wie die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland, die jedoch in der Erfassung keinen konkreten Bezug auf die Diskriminierungserfahrungen und rassistische Gewalt setzt – der Fokus liegt vielmehr auf dem sozioökonomischen Status. Für eine umfassende Analyse braucht es breit angelegte Studien, die über einen längeren Zeitraum ausgelegt sind und Faktoren wie Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen mitberücksichtigen. In den USA gibt es Langzeitstudien wie die Adverse Childhood Experience-Studies über Menschen, die unterschiedliche ethnische, soziale und wirtschaftliche Hintergründe haben, um breite Erkenntnisse daraus zu gewinnen. Diese Studien sind eine Pionierarbeit, weil sie Traumata in der frühen Kindheit mit dem späteren Gesundheitsverlauf verknüpfen. Wenn Eltern Rassismuserfahrungen machen, wirken sie sich auf die Kinder aus, womit auch eine stärkere gesundheitliche Belastung zu beobachten ist. Dadurch werden auch transgenerationale Faktoren wie Diskriminierungserfahrungen der Eltern und ihre Auswirkungen auf die Kinder sichtbar. 

Auswirkungen von Rassismus auf die Gesundheit

Alltagsrassismus wird von vielen Betroffenen als gewaltsamer Schock erlebt, der zu schnell, zu oft und zu plötzlich passiert und traumatisch wirkt. Diese Erfahrung wird als „Race-Based Traumatic Stress“ bezeichnet. Sie ist verletzend und löst im Körper chronischen Stress aus. Das ständige Navigieren im Alltag unter diesen Bedingungen kann zu einer Dauerbelastung führen, die sich in verschiedenen Symptomen äußern kann: psychosomatische Beschwerden, Erschöpfung, Bluthochdruck und Depressionen. Studien zeigen, dass sich der Gesundheitszustand von zugewanderten Personen über die Jahre drastisch verschlechtert – obwohl sie bei ihrer Ankunft oft deutlich gesünder waren. Dieses Phänomen wird als Healthy Migrant Effect bezeichnet. Zu den Gründen für den Gesundheitsverfall werden Benachteiligung, Stress und Diskriminierung im Alltag gezählt.

Misstrauen in medizinische Einrichtungen

Menschen, die struktureller Gewalt und Benachteiligung ausgesetzt sind, berichten über das gleiche Muster im Gesundheitssystem. Dokustelle Österreich, eine Dokumentations- und Beratungsstelle für Menschen, die antimuslimischen Rassismus erfahren, hat mit ihrer Arbeitsgruppe „Gesundheit & Rassismus“ eine explorative Studie durchgeführt, um jene Erfahrungen festzuhalten und sichtbar zu machen. Mit einer Online-Umfrage in Form einer standardisierten Befragung wurden Daten zu Erfahrungen im Gesundheitssystem erfasst. Eine Grobanalyse der Ergebnisse deutet darauf hin, dass sich die Erfahrungen muslimisch gelesener Personen und jene anderer von Rassismus betroffener Gruppen ähneln. 

64,4 % der Betroffenen berichten, dass ihre Beschwerden und Symptome nicht ernst genommen wurden. 55,5 % haben die Behandlung mehrfach oder einmalig als unnötig grob empfunden. Durch offene Antwortmöglichkeiten schilderten die Umfrageteilnehmer:innen ihre Erfahrungen: So haben sie kulturalisierende Praktiken wie die Aussage „Ihr Kopfschmerz kommt vom Kopftuch“ erfahren, Symptome wie Hitzewallungen wurden auf die Bekleidung zurückgeführt. Eine Person schreibt: „Aufgrund einer unter die Haut eingesetztes medizinisches Stück habe ich eine ärztliche Bestätigung benötigt, um im Flughafen nicht durch die Scan-Türen gehen zu müssen. Der Arzt fragte daraufhin, ob sie dann glauben, dass ich eine Terroristin bin.“

Unfreundlicher Tonfall und herablassende Blicke sind einige von subtilen Signalen, die Patient:innen in der Ordination und während der Behandlung erlebten. Auch direkte Beleidigungen, Ablehnung der Versorgung oder Vernachlässigung bei Notfällen gehören zu den Praktiken, von denen die Befragten berichten. Über ein Drittel der Befragten geben an, dass sie beleidigende Kommunikation in verschiedenen Formen erfahren haben. Die Angaben zeigen, dass physische Gewalt eine Ausnahme darstellt, unangemessene Behandlung, Mikroaggressionen und verbale Gewalt jedoch regelmäßig vorkommen. 

Diese Erfahrungen fördern das Misstrauen in die Gesundheitsversorgung. Das Aufsuchen einer medizinischen Einrichtung kann mit psychischer Belastung einhergehen. Auf die Frage, was die Konsequenzen solcher Behandlung sind, gaben 88,9 % der Befragten an, dass sie sich ungerecht behandelt gefühlt haben und wütend waren. 66,7 % fühlten sich deprimiert und 60,6 % misstrauischer gegenüber anderen Menschen. Der Verlust von Selbstvertrauen und Schamgefühl sind einige der Folgen, die berichtet wurden. Ein Arztbesuch ist mit erhöhtem Stress verbunden und führt dazu, dass sich viele dadurch ohnmächtig und entwürdigt fühlen. 

Ein Gefühl der Ohnmacht

Das Nicht-ernst-genommen-Werden hat auch seine Folgen: Viele Betroffene lernen mit ihrem Schmerz umzugehen. In der Psychologie spricht man vom Überlebensmodus, einer Form der Bewältigungsstrategie in einer gewaltvollen Umgebung, um den Alltag so gut wie möglich zu meistern. Schmerz lässt sich jedoch nicht abwimmeln oder wegstecken – er ist omnipräsent. Diese Schmerzen habe ich gesehen und miterlebt: in meiner Familie, bei meinen Tanten und Onkeln, und im frühen Tod meiner Großeltern. Ich habe sie krank in Erinnerung, voller Lebensfreude, aber auch mit viel Schmerz. Das Leid ihres Lebens zeichnete sich in ihren Gesichtern ab. Früher dachte ich, ältere Menschen seien eben so. Heute verstehe ich, dass sie früh gealtert sind – jung und doch alt zugleich. Ein würdevolles Leben hätte ihnen viel erspart, eine adäquate und ganzheitliche Behandlung mit mehr Fürsorge und Empathie für ihre Lebensumstände hätte ihr Leid lindern können. Dafür braucht es strukturelle Veränderungen auf vielen Ebenen und mehrperspektivischen Zugang im Gesundheitswesen. 

Ümmü-Selime Türe ist Kultur- und Sozialanthropologin, Psychosozialberaterin und Erwachsenentrainerin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Auswirkungen von Rassismus auf die Gesundheit, Self- und Collective Care, Intersektionalität sowie Transformative und Healing Justice. Sie ist Mitbegründerin der Dokumentations- und Beratungsstelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus (2014), ein Beratungs- und Forschungszentrum sowie Mitautorin der Anthologie „Therapie Intersektional“ (2025). 

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