Uns wird nicht geglaubt“

Was erleben asexuelle Patient*innen in der Gynäkologie? Von Annika Spahn

Asexualität-Pride-Fahne (von oben nach unten: gestreift in schwarz, grau, weiß, violett), die hoch über den Köpfen von Pride-Parade-Besucher*innen weht
Foto: MangakaMaiden Photography/Flickr – London Pride 2018 (Bildausschnitt zugeschnitten), CC BY 2.0

Inhalt in Einfacher Sprache

Das ist ein Artikel
über Asexualität. 
Viele Menschen wissen nicht
was Asexualität ist.
Sogar Ärzt*innen wissen
das oft nicht.
Asexuelle Menschen
spüren keine oder nur wenig
sexuelle Anziehung.
Oder sie wollen
keinen Sex mit anderen
Menschen haben.
Ärzt*innen sagen oft:
Asexualität muss man heilen.
Asexuelle Menschen
sind aber nicht krank.
Sie fühlen sich dann
schlecht behandelt.
Besonders bei Gynäkolog*innen
machen asexuelle Menschen
schlechte Erfahrungen.
Die Ärzt*innen verstehen nicht,
dass manche Menschen
nicht sexuell aktiv sind.
Asexuelle Menschen erzählen:
sie gehen seltener zu Ärzt*innen.
Deshalb muss es mehr Wissen
über Asexualität geben.
Denn alle Menschen brauchen
eine gute Gesundheits-Versorgung.

Diese Kurz-Fassung hat geschrieben: Brigitte Theißl
Wenn du zum Text eine Frage hast:
schreib an be(at)ourbodies.at

Asexualität ist immer noch eine weitgehend unbekannte sexuelle Orientierung – selbst in der Medizin. Asexuelle Patient*innen werden daher oft nicht ernst genommen und erleben eine schlechte Gesundheitsversorgung. Welche Erfahrungen machen asexuelle Patient*innen in der Gynäkologie und wie kann die gesundheitliche Situation von asexuellen Personen verbessert werden? In meinem Artikel stelle ich erste Ergebnisse aus meiner Doktorarbeit zu Heteronormativität in Wissensproduktion, Lehre und Behandlungspraxis der Sexualmedizin vor.

Was ist Asexualität?

Asexualität ist eine eigenständige sexuelle Orientierung, wie beispielsweise Heterosexualität und Bisexualität auch. Die größte Organisation asexueller Menschen, das Asexual Educuation and Visibility Network (AVEN), definiert eine asexuelle Person als eine Person, die wenig oder keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen verspürt, oder eine Person, die kein Verlangen nach sexuellen Interaktionen mit anderen Menschen hat. Asexualität ist nicht dasselbe wie Antisexualität (Sexualität abzulehnen), das Zölibat (sich freiwillig dazu entscheiden, keinen Sex zu haben), Aromantik (sich nicht in andere Menschen zu verlieben und/oder keine romantischen Beziehungen mit anderen Menschen eingehen zu wollen), unterdrückte Sexualität oder Angst vor Sexualität. Schätzungen zufolge sind ein Prozent der Menschen asexuell. 

Asexualität als „medizinisches Problem“

Die Medizin betrachtet wenig oder keine sexuelle Anziehung, und damit auch Asexualität, häufig als medizinisches Problem, das es zu „heilen“ gilt. Die International Classification of Diseases (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO), eine Art Katalog aller Krankheiten, kennt in seiner aktuellen Version (ICD-11, seit Jahresbeginn in Kraft) zum Beispiel die Diagnose „HA00 Hypoaktives sexuelles Verlangen“, mit der zu wenig sexuelle Anziehung zu anderen Menschen pathologisiert werden kann. 

Für asexuelle Personen stellt diese Pathologisierung eine besondere Art von Stigmatisierung dar. Asexuelle Personen beschreiben den Kontakt mit dem Gesundheitssystem zum Beispiel als unangenehm und traumatisierend, weil Ärzt*innen sie als sexuell gestört definieren oder ihnen Heilungsmöglichkeiten vorgeschlagen. Gegen diese Pathologisierung wehren sich asexuelle Menschen. 

Gesundheitliche Lage von asexuellen Personen

Grundsätzlich wissen wir über die gesundheitliche Situation und Versorgung von asexuellen Personen kaum etwas – ganz besonders in Europa. Erste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass asexuelle Personen erhebliche psychische Belastungen erleben und hohe Raten von affektiven Störungen, Angststörungen und Suizidalität aufweisen. 

Gynäkologische Versorgung von asexuellen Personen

Queere Personen(1) begegnen Ärzt*innen oft grundsätzlich mit Vorsicht und Misstrauen aufgrund von Diskriminierungserfahrungen oder der Erwartung, diskriminiert zu werden. Sie beobachten ihre Umgebung, das Setting und das Verhalten des medizinischen Personals, um ihre eigene Sicherheit abschätzen zu können. Allein diese Angst vor Diskriminierung oder vor einer negativen Reaktion auf ein Coming Out wirkt sich schwerwiegend auf den Aufbau einer vertrauensvollen Behandlungsbeziehung und weitergehend auf die Wahrnehmung von Untersuchungen und Behandlungen aus. Nina(2) erzählt: „Wenn ich zum Gynäkologen muss – und vor allem wenn ich den wechseln muss – dann überleg ich mir schon vorher, wie ich was anspreche.“

Queere Personen nehmen seltener Vorsorge-Untersuchungen wie Mammografien und Pap-Tests in Anspruch als heterosexuelle cis Frauen. „Seit ich mich selbst als asexuell verstehe, war ich bei keiner Gynäkologin oder Gynäkologen mehr“, sagt Kay. „Weil ich nicht den Anlass dazu gesehen habe und mich zu Routineuntersuchungen nicht aufraffen konnte. Ich habe auch allgemein Schwierigkeiten Ärzt*innen zu finden, bei denen ich das Gefühl habe, die nehmen mich ernst und sind geduldig und vorsichtig.“

Vorannahmen von Ärzt*innen

Gynäkolog*innen nehmen oft grundsätzlich an, dass ihre Patient*innen sexuell aktiv und heterosexuell sind. Beispielsweise wird in Anamnese-Bögen oder Gesprächen nur nach Beziehungen und Sex mit Männern gefragt. Dies führt dazu, dass asexuelle Personen sich outen müssen (aber natürlich betrifft das alle Patient*innen, die unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung nicht sexuell aktiv sind), weil sie sonst befürchten müssen, nicht die richtige medizinische Versorgung zu bekommen. Oder asexuelle Personen outen sich aus Angst vor der Reaktion darauf nicht. Mögliche negative Reaktionen wären Pathologisierung, Invalidierung der asexuellen Identität, die Zuschreibung eines psychischen bzw. sexualisierten Traumas und Versuche einer Konversionstherapie. „Meine Gynäkologin glaubt mir bis heute nicht, dass ich asexuell bin und keinen Sex habe“, erzählt Rami. „Ich komme jedes Mal hin und jedes Mal werde ich neu ausgefragt. Mittlerweile habe ich aufgegeben und sage nur ‚Jaja, Verhütung klappt super‘.“

Heteronormative Vorannahmen (wie: dass alle Menschen in romantischen und sexuellen Beziehungen mit Menschen eines anderen Geschlechts sind) bedeuten ein erhöhtes Risiko für eine schlechtere gesundheitlichen Versorgung oder eine Fehlversorgung.

Asexuelle Patient*innen sind dabei vor allem mit zwei Fragen von Ärzt*innen konfrontiert: „Sind Sie schwanger?“ und „Haben Sie einen Freund?“. Bei der ersten Frage wird asexuellen Patient*innen oft nicht geglaubt, auch wenn sie das mit Sicherheit verneinen können. Das Problem ist nicht die Frage selbst, sondern dass viele Ärzt*innen scheinbar nicht begreifen können oder wollen, dass manche Menschen nicht sexuell aktiv sind oder sein wollen. „Ich glaube, viele asexuelle cis Frauen, trans Männer und nicht-binäre Personen wurden schon gefragt ‚Sind Sie schwanger?‘. Wir sagen dann ‚nein‘ und die Ärzt*innen fragen weiter nach, ob wir uns sicher sind“, erzählt Gabrielle. „Uns wird da einfach nicht geglaubt, obwohl wir uns ganz, ganz sicher sein können.“ Und Rami: „Ich hab so ne Frage mal beantwortet – weil ich auch richtig genervt war – mit ‚nein, außer ich trage Jesus Geschwisterchen aus‘.“ „Ich mach manchmal Sprüche über Windbestäubung“, sagt Jagoda. 

Die Frage nach dem Freund zielt eigentlich darauf ab, zu erfahren, ob der*die Patient*in sexuell aktiv ist. Dabei transportiert sie eine Vielzahl an normativen Erwartungen: dass alle Patient*innen der Gynäkologie cisgeschlechtlich und heterosexuell sind und dass Sexualität ausschließlich in romantischen Beziehungen stattfindet. Asexuell zu sein erscheint also im ärztlichen Blick unmöglich. 

Asexuelle Personen in der gesundheitlichen Versorgung

Manche asexuellen Personen erleben deswegen, dass Ärzt*innen ihre asexuelle Identität nicht ernst nehmen oder versuchen, sie in sexuelle Beziehungen zu drängen. Ola erzählt: „Ich hatte auch mal eine Gynäkologin, die dann meinte, wenn ich ne Beziehung haben wollte, müsste ich dann auch Sex haben.“ Manche Ärzt*innen bieten auch die Möglichkeit einer medizinischen „Behandlung“ der Asexualität an, beispielsweise eine Hormontherapie oder Medikamente. Damit wird Asexualität als medizinische Kategorie verhandelt, als etwas, das behandelbar und behandlungswürdig ist – und nicht als valide sexuelle Orientierung. Deswegen berichten viele asexuelle Personen davon, keine oder nur selten medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen. An der Art und Weise, wie Ärzt*innen mit asexuellen Personen und Asexualität an sich umgehen, muss sich also etwas ändern. Denn alle Menschen verdienen eine gute Gesundheitsversorgung. 

Fußnoten:
(1) Da es kaum Daten über asexuelle Personen gibt, muss für diesen Artikel in Teilen auf Daten über queere Personen zurückgegriffen werden. Diese sind vermutlich nicht vollständig für asexuelle Personen gültig, lassen sich aber in der Tendenz in jedem Fall übertragen.
(2) Alle direkten Zitate in diesem Artikel stammen von Teilnehmer*innen einer Gruppendiskussion zu den Erfahrungen von asexuellen Personen in der Medizin. Die Namen sind anonymisiert und die Zitate für bessere Lesbarkeit bearbeitet und gekürzt.

Literatur:
Bjorkman, Mari; Malterud, Kirsti (2009): Lesbian women’s experiences with health care: a qualitative study. In: Scandinavian journal of primary health care 27 (4), S. 238-243. DOI: 10.3109/02813430903226548.
Bowen, Deborah; Jabson, Jennifer (2019): Cancer in Sexual Minority Women. In: Jason S. Schneider, Vincent M. B. Silenzio, Laura Erickson-Schroth und Hector Vargas (Hg.): The GLMA handbook on LGBT health. 2 Bände. Santa Barbara, California: Praeger, an imprint of ABC-CLIO, LLC (2), S. 101-120.
Brotto, Lori A.; Yule, Morag (2017): Asexuality. Sexual Orientation, Paraphilia, Sexual Dysfunction, or None of the Above? In: Archives of sexual behavior 46 (3), S. 619-627. DOI: 10.1007/s10508-016-0802-7.
Dennert, Gabriele; Wolf, Gisela (2009): Gesundheit lesbischer und bisexueller Frauen. Zugangsbarrieren im Versorgungssystem als gesundheitspolitische Herausforderung. In: Femina Politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft. (1), S. 47-58.
Goshua, Anna (2018): Asexual People Deserve Better From Our Medical Providers.

Annika Spahn (sie/ihr) ist Doktorandin an den Universitäten Basel und Freiburg und forscht zu Heteronormativität in der Sexualmedizin. Außerdem ist sie Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen und arbeitet als Geschäftsführung beim Queer Lexikon.

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was Asexualität ist.
Sogar Ärzt*innen wissen
das oft nicht.
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Oder sie wollen
keinen Sex mit anderen
Menschen haben.
Ärzt*innen sagen oft:
Asexualität muss man heilen.
Asexuelle Menschen
sind aber nicht krank.
Sie fühlen sich dann
schlecht behandelt.
Besonders bei Gynäkolog*innen
machen asexuelle Menschen
schlechte Erfahrungen.
Die Ärzt*innen verstehen nicht,
dass manche Menschen
nicht sexuell aktiv sind.
Asexuelle Menschen erzählen:
sie gehen seltener zu Ärzt*innen.
Deshalb muss es mehr Wissen
über Asexualität geben.
Denn alle Menschen brauchen
eine gute Gesundheits-Versorgung.

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