Einige 24 Stunden

Alkoholismus und Frauen: Ist Sucht geschlechtsspezifisch? Von Mirjam Bromundt und Bettina Enzenhofer

eine Ansammlung unzähliger leerer Flaschen
Foto: Anders Sandberg/Flickr – A sea of glass, CC BY 2.0

„Über die Trinkerin ist wenig Kennzeichnendes bekannt … Es ist ungemein schwer, über das Innenleben der Trinkerin ein halbwegs zureichendes Bild zu gewinnen … Die Trinkerin setzt dem Versuche, sie auszufragen, in der Regel ein starres Ableugnen entgegen … Unter diesen Umständen ist eine klinische Schilderung der Trinkerin unmöglich.“(1)

Bilder von alkoholsüchtigen Frauen gibt es heute; Untersuchungen zu spezifischen Ursachen, Verläufen und Therapien dieser Krankheit werden zunehmend unter dem Geschlechteraspekt betrieben. Weibliche Suchtmittelabhängigkeit wurde lange nicht für möglich gehalten, da Frauen generell ein eher gesundheitsbewusster Lebensstil zugeschrieben wurde. Zudem werden Suchtsysteme durch fehlendes Problembewusstsein in unserer Gesellschaft stabilisiert und Rollenbilder von männlichem und weiblichem Alkoholkonsum durch geübte Toleranz gegenüber Abhängigkeiten gefördert. 

Fakten

In Österreich gibt es etwa 330.000 Alkoholiker*innen, mehr Männer als Frauen. Rund zehn Prozent der Neugeborenen werden im Laufe ihres Lebens irgendwann chronische Alkoholiker*innen; der gleiche Prozentsatz ist es auch, der die Hälfte des in Österreich ausgeschenkten Alkohols konsumiert. Die ZahI der Frauen steigt dabei kontinuierlich – das Verhältnis trinkender Männer zu trinkenden Frauen hat sich im vergangenen Jahrzehnt von 4:1 auf 3:1 verschoben.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt die Harmlosigkeitsgrenze bei einem täglichen Alkoholkonsum von 16 Gramm reinem Alkohol (etwa 0,5 Liter Bier) bei Frauen oder 24 Gramm reinem Alkohol (etwa 0,75 Liter Bier) bei Männern; die Gefährdungsgrenze bei sechzig Gramm für Männer und vierzig Gramm für Frauen. Ab wann das Trinken als krankhaft beurteilt werden kann, ist aber individuell – je nach psychischen und physischen Gegebenheiten – unterschiedlich. 

„Alkoholismus ist eine chronische Krankheit mit genetischen, psychosozialen und umgebungsbedingten Faktoren, die seine Entwicklung und seine Ausprägungsformen beeinflussen. Die Krankheit verläuft häufig progressiv und tödlich. Sie ist gekennzeichnet durch Kontrollverlust über das Trinken, durch Zentrierung des Denkens auf die Droge Alkohol, durch Konsum trotz nachteiliger Folgen sowie durch Denkverzerrung und vor allem Leugnung. Jedes dieser Symptome kann fortwährend oder zeitweilig auftreten.“(2)

Gerda(3) ist Mitte fünfzig und „seit einigen 24 Stunden“ trockene Alkoholikerin. Für sie ist niemand Alkoholiker*in, solange man sich nicht selbst so bezeichnet. „Ich schau aber nie zu, sondern versuche, den Leuten Alternativen zu zeigen. Ich sage ihnen: Ich gehe zu den Anonymen Alkoholikern (AA).“ Die Gründe für ihre eigene Sucht zu erforschen, war Gerda nie wichtig. Für die AA geht es vorrangig darum, vom Alkohol loszukommen, für die nächsten 24 Stunden „das erste Glas“ stehen zu lassen. 

In der Medizin ist man bemüht, Ursachen der Alkoholsucht zu erkennen, um angemessene Therapiemaßnahmen erarbeiten zu können: „Süchtigkeit lässt sich nie durch einen einzigen Grund erklären, es spielen immer eine Reihe von Faktoren zusammen, vor allem Veranlagung (Disposition), Erziehungseinflüsse, Belastungsfaktoren, Primär- und Sekundärmilieu sowie Verfügbarkeit der Drogen“, sagt Dr. Reinhard Haller, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und seit zwanzig Jahren ärztlicher Leiter des Vorarlberger Behandlungszentrums für Suchtkranke. Weiters spielt das Vorbild der Eltern eine wichtige Rolle: Kinder aus Familien, in denen getrunken wird, sind stärker gefährdet als andere, ihr Suchtrisiko ist ungefähr achtmal so hoch. Vernachlässigung in der Kindheit und sexueller Missbrauch werden als weitere Risikofaktoren angeführt.

Frauen

Die besondere Situation alkoholsüchtiger Frauen ergibt sich aus mehreren Faktoren. Der Einstieg in die Krankheit ist unterschiedlich: Während Männer eher im Wirtshaus größere Mengen an Alkohol trinken, leben Frauen ihre Sucht meist heimlich zu Hause aus. Alkoholikerinnen sind im Gegensatz zu Alkoholikern für die Gesellschaft meist unsichtbar. Dies erschwert Hilfestellung, da die Sucht der Frauen erst spät entdeckt wird und somit eine Therapie erst später begonnen werden kann. Es sind vor allem gesundheitliche und soziale Schwierigkeiten, die Alkoholikerinnen dazu bewegen, etwas gegen ihre Sucht zu tun. 

Gerda erkannte lange nicht, dass sie abhängig ist. „Wenn du süchtig bist, ist dir alles egal. Mir war meine Ehe egal, die Kinder, der Job, alles. Ich will Alkohol, was anderes denkst du nicht.“ Zu den AA ist sie dem Sohn zuliebe gegangen. „,Bring deinen Hintern her, der Geist hängt schon hinten nach‘, hat er gesagt. Es ist für mich heute noch ein Wunder, ein Geschenk, dass ich aufhören durfte. Ich bin aber immer noch Alkoholikerin, von der Sucht geheilt bist du nie. In der Früh steh ich auf und denk mir: Ich will für 24 Stunden trocken bleiben.“ 

„Ein besonderes Risiko weisen überlastete Frauen auf, aber auch solche, die plötzlich das Gefühl haben, nicht mehr gebraucht zu sein und keine Aufgabe für sich zu haben. Besonders riskant sind auch hormonelle Umbruchsphasen, etwa die Tage vor der Menstruation, die Pubertät oder das Klimakterium. Frauen verwenden die Suchtmittel vor allem als Psychopharmaka, d. h. zur Entspannung, zur Angst- und Depressionslösung, zur Stimmungsverbesserung etc.“, beschreibt Haller die frauenspezifischen Merkmale des Einstiegs und der Sucht.

Wie bei den meisten fing bei Gerda die Sucht schleichend an: „Es hat begonnen, da hab ich getrunken, um schneller einschlafen zu können. Erst war das ein Stamperl, dann ein immer größeres Stamperl, dann ein Glas, dann hab ich den ganzen Tag lang getrunken. Wenn du danach suchst, wirst du immer einen Grund zu trinken finden. Ein Alkoholiker hat sieben Gründe: Montag, Dienstag, Mittwoch … [lacht] Bei anderen ist’s so, dass sie mit sich selbst nicht zu Recht kommen. Dann fanden sie den Alkohol und waren schlagartig schön, klug, begehrt. Sie waren mit Alkohol etwas, das sie vorher nicht waren. Sie kommen aus ihrer Haut.“ Für Gerda waren die AA die beste Therapie. „Beim Therapeuten schiebst du die Verantwortung von dir weg, bei den AA bist du für dich selbst verantwortlich, du kannst dir nur selbst helfen.“ 

Es gibt aber noch andere Möglichkeiten der Entwöhnung: Im Zentrum ambulanter oder stationärer Therapie steht das Wiedererlernen der freien Lebensgestaltung. In der Suchtphase ist eine freie Entscheidung über den Alkoholkonsum nicht möglich. „Die medizinische Behandlung beinhaltet primär die Faktoren körperliche Entgiftung, psychologische Entwöhnung, Rehabilitation und langfristige Begleitung z.B. durch Psychotherapie oder Teilnahme an Gruppengesprächen“, erklärt Haller. „Eine ursächliche Heilung, d. h. eine Rückführung zum ganz normalen Konsum ist aber generell nicht möglich. Der Süchtige muss also auf ein abstinentes Leben vorbereitet werden, was in unserer suchtfreundlichen Gesellschaft nicht einfach ist.“ Das Ziel einer Therapie ist jedoch nicht alleine die Abstinenz. Sie gilt vielmehr als Voraussetzung, um sich überhaupt wieder frei entscheiden zu können. Frauen sind dabei in der Regel aufgeschlossener für suchtspezifische und insbesondere psychotherapeutische Behandlungen als Männer. 

Eine geschlechtsspezifische Erschwernis ist, dass Männer relativ einfach das Umfeld der Sucht vermeiden können, indem sie sich beispielsweise von ihrem Stammlokal fern halten. Frauen können dies nicht – für sie bleibt das strukturelle Umfeld gleich, suchtbegleitende Gewohnheiten (z.B. Einkaufen) bleiben auch in der Phase der Abstinenz bestehen. 

Für eine*n Alkoholiker*in besteht immer das Risiko eines Rückfalls, wobei die Raten bei Frauen etwas niedriger sind als bei Männern. Alkoholsucht ist eine progressive Krankheit, die man nur zum Stillstand bringen kann. Es geht immer um das Stehenlassen des ersten Glases, das Nichtnehmen des ersten Schlucks. „Wenn man trocken ist und wieder etwas trinkt, ist es als ob man einen Schalter umlegt. Du verlierst die Kontrolle, das Bewusstsein für das, was du tust. Du darfst mit Alkohol keinen Kontakt mehr haben, in keiner Form. Man weiß dann sogar schon, welche Bäckereien Rum in die Krapfen und die Nusskipferl mischen“, sagt Gerda.

„Von den Organen her hätte ich noch ewig lang saufen können“, meint Elfriede(4). Sie ist um die sechzig, seit 15 Jahren trocken und das, obwohl sie jeden Tag in ihrer Bar mit Alkohol konfrontiert ist. Für Frauen sind die körperlichen Folgen des Alkoholismus schwerer als für Männer: Geringeres Gewicht, höherer Körperfettanteil und ein hormonell bedingt verlangsamter Alkoholabbau führen zu einer geringeren Verträglichkeit und somit zu einer schwereren Entzugssymptomatik. Frauen erkranken schneller an Leberzirrhosen, erleiden leichter Schädigungen des Zentralen Nervensystems und auch das Krebsrisiko steigt. „Frauen weisen meis­tens eine kürzere, aber schwerere Alkoholsucht auf, die sehr oft mit einer Medikamentenabhängigkeit kombiniert ist“, erklärt Haller. Zudem wird bei der Alkoholsucht eine fast hundertprozentige Co-Abhängigkeit von Nikotin beobachtet. Die Todesursache bei alkoholkranken Personen ist demzufolge meist auch eine Auswirkung des Nikotinkonsums. „Das Haus der Süchte hat viele Zimmer“, sagt Gerda. 

Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen sich auch in der gesellschaftlichen Akzeptanz: Trinkenden Frauen wird weniger Toleranz entgegen gebracht als Männern. „Der Makel der Sucht trifft Frauen viel mehr als Männer“, sagt Gerda, „sie werden in der Gesellschaft weit mehr geächtet. Männer haben einfach nur mal ein Glas zu viel.“

Familie

Die Alkoholsucht geht vom Problem des*der Einzelnen über in ein Problem, das das gesamte Umfeld, im Speziellen die Familie, betrifft. Antons ist 65 und trockener Alkoholiker. Gemeinsam mit seiner ebenfalls süchtigen Tochter war er bei den AA. Die Tochter wurde rückfällig, trank sechs Jahre weiter und starb vor einem Jahr an einem Magendurchbruch. „Du musst wissen, du kannst in so einer Situation nichts mehr tun. Du musst dich von einem Süchtigen abgrenzen, auch wenn es deine Tochter ist.“

Die Familie einer*s Süchtigen gerät durch die Krankheit in eine schwierige Situation, es kann das Muster der Co­-Abhängigkeit entstehen: Aus Unwissenheit, wie man sich einer*m Alkoholiker*in gegenüber verhalten soll, wird die Suchtstruktur oft unbewusst unterstützt, indem das Suchtproblem ignoriert, übersehen oder nicht angesprochen wird. Die Unterscheidung zwischen alltäglicher Hilfestellung und Suchtunterstützung ist eine Gratwanderung. „Einen Kaffee mach ich ihm noch, aber besoffen ins Bett trag ich ihn nicht mehr“, beschreibt Gerda das Phänomen. „Zudem kann es manchmal sein, dass der Suchtkranke die Rolle des ,schwarzen Schafes‘ hat und die ,Sündenbock-Funktion‘ in einer problematischen familiären Struktur einnimmt“, sagt Haller. Auch in die Therapie sollen Angehörige deshalb eingebunden werden: „Für einen Alkoholiker geht‘s ums Überleben, er weiß, dass er aufhören muss. Für die Angehörigen ist das schwieriger: Was sollen die tun? Der Alkoholiker sagt: Ich mach keinen ersten Schluck, ein Angehöriger kann sich nicht in dieser Form für etwas entscheiden“, sagt Gerda. Auch, dass ein*e Süchtige*r wieder über seinen freien Willen verfügt, kann für Angehörige schwierig sein. Viele Partnerschaften zerbrechen genau dann. 

Für süchtige Alleinerzieherinnen erschwert sich die Entscheidung zur Therapie: Sie sind auf einen Therapieplatz angewiesen, an den sie ihre Kinder mitnehmen dürfen. Das Anton-Proksch­-lnstitut in Wien ging auf diesen stärkeren Bedarf an gemeinsamer Aufnahme von Mutter und Kind ein und eröffnete 2003 eine Frauenstation. In Attnang­-Puchheim (Oberösterreich) gibt es seit Oktober dieses Jahres ein von der „Gemeinschaft ohne Alkohol“ (GOA) initiiertes und in dieser Form einzigartiges Wohnhaus für alkoholkranke Frauen, das diese zusammen mit ihren Kindern aufnimmt. Denn es ist wichtig, eigene Räume für Frauen zu schaffen. 

Hilfe

Was aber wirklich tun, wenn man bei einer nahe stehenden Person eine Alkoholkrankheit vermutet? „Man kann in Wahrheit gar nichts tun. Jeder Alkoholiker muss seinen persönlichen Tiefpunkt erleben“, sagt Gerda. „Es ist irgendwann nicht mehr sinnvoll, einen Betroffenen unterstützen zu wollen. Das macht dich nur selber kaputt. Man muss dann lernen, sich abzugrenzen und loszulassen.“ Sie selbst versucht manchmal, (scheinbar) Betroffenen in subtiler Weise auf die Sucht und einen Ausweg aufmerksam zu machen. „Da wandern dann die Broschüren der AA über den Tisch und verschwinden irgendwie immer. Zurückbekommen habe ich sie noch nie“, lacht Gerda. 

Neben der gezielten Behandlung alkoholkranker Menschen ist auch die Suchtprävention ein wichtiges Thema. „Sie bezieht sich wesentlich auf die Pfeiler Information, die Reflexion eigener süchtiger Anteile und auf die Entwicklung eines Gesundheitsbewusstseins. Auch durch gesundheitspolitische Maßnahmen wird versucht, drogenpräventiv zu wirken, z.B. durch die Suchtmittelgesetzgebung, durch höhere Besteuerung des Alkohols oder durch Aufklärungskampagnen“, sagt Haller. 

„Ich weiß für mich heute ganz klar: Ich will nichts trinken. Wenn andere trinken, stört mich das nicht, die müssen eh selbst wissen, was sie tun. Ich hab meine Sucht nicht vergessen, der Makel pickt. Ich finde Alkoholiker nicht abstoßend, ich weiß, ich könnte das auch sein“, sagt Gerda, „ich bin Alkoholikerin. Aber heute bin ich trocken.“

Die Anonymen Alkoholiker (AA)

„Anonyme Alkoholiker sind ein gemeinnütziger Verein. Eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alko­holismus zu verhelfen.“(6) 
Die AA sind eine weltweite Organisation, die 1935 in den USA von zwei Alkoholikern gegründet wurde. Mittlerweile gibt es in fast jedem Land der Welt Gruppen der AA. 1939 erschien die erste Auflage des so genannten „Blauen Buches“ – der „Bibel“, an der sich alle Mitglieder orientieren. Sie wurde mittlerweile in 53 Sprachen übersetzt und beinhaltet unter anderem die genannte Präambel, die zwölf leitenden Schritte und die zwölf Traditionen der AA. 
Alle Mitglieder der AA sind selbst mehr oder weniger trockene Alkoholiker*innen, die sich gemäß dem ersten Schritt eingestanden haben: „Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.“ Jede*r, der*die den Wunsch hat, mit dem Trinken aufzuhören, ist bei den AA willkommen. 
In jeder größeren Stadt finden regelmäßige Meetings statt, die die Basis der AA bilden. Wie oft ein*e Alkoholiker*in zu einem Meeting geht, hängt von ihm*ihr selbst ab. Auch betrunken ist man willkommen. Zudem gibt es auch offene Gruppen, an denen jede*r teilnehmen kann und spezielle AI-Anon Meetings, in denen sich Angehörige austauschen können. In einem Meeting wird zunächst die Präambel verlesen, jede*r Anwesende verliest einen der zwölf Schritte. Wer etwas sagen will, meldet sich zu Wort: „Ich bin Elfriede und ich bin Alkoholikerin.“ Jede*r in der Gruppe weiß, wovon er*sie redet, es wird nicht gewertet. „Alle sitzen im selben Boot, du bist Gleicher unter Gleichen“, sagt Gerda. Die Erzählungen der anderen werden unkommentiert akzeptiert, es geht ums Erzählen und Zuhören, um die Möglichkeit absoluter Offenheit und Ehrlichkeit. Gerda sieht im Erzählverhalten von Männern und Frauen keinen Unterschied: „Auch Männer empfinden die AA oft als wohltuend. Hier können sie sagen: Ich hab‘ Angst.“
Innerhalb der AA gibt es keine Hierarchie im herkömmlichen Sinn. Jede Region, jedes Land und auch jeder Kontinent hat VertreterInnen, die sich untereinander regelmäßig treffen und austauschen. Die Mitglieder selbst können Dienste übernehmen (z.B. Telefondienste) und somit eine der drei Säulen (Dienst, Genesung und Einigkeit) der AA erfüllen. Zum einen werden Dienste als Aufgabe an trockene Alkoholiker*innen übertragen, gleichzeitig stellen sie für die Betroffenen aber eine Möglichkeit dar, Verantwortung zu übernehmen.
Die bereits im Namen der AA enthaltene Anonymität ist eine zentrale Idee, die für die gesamte Organisation Gültigkeit hat. Es werden prinzipiell keine Mitgliederlisten geführt, man kennt sich ausschließlich beim Vornamen, in der Kommunikation mit Medien verschwinden die Namen gänzlich. Anonym bleiben auch die weiteren Lebensumstände. Der Beruf oder die Herkunft sind unbedeutend, was zählt, ist der Wille für die nächsten 24 Stunden nüchtern zu bleiben. Dies gelingt öfter, als man glauben könnte. Viele kommen zum ersten Mal, bleiben bis zum nächsten Meeting trocken und hanteln sich so in kleinen Schritten vorwärts. Irgendwann sind es dann „einige 24 Stunden“.
Die AA finanzieren sich selbst – durch Spenden, die von den Mitgliedern nach jedem Meeting freiwillig gegeben werden können. Spenden von außerhalb werden kategorisch abgelehnt, um sich nicht von Geldgeber*innen und ihren Interessen abhängig zu machen. 
In Bezug auf die AA werden oft Sektenvorwürfe laut. Die AA sind jedoch keine religiöse Gruppe. Das Programm der 12 Schritte basiert zwar wesentlich auf dem Glauben an Gott, aber „wie wir ihn verstehen“(7). Gerda gehört keiner Religion an und ersetzte für sich selbst „Gott“ zunächst durch „die Gruppe“ und später durch „höhere Macht“. Das Zentrale an diesem Eingeständnis ist das Wegkommen von der Ichbezogenheit, die im Alkoholismus besonders ausgeprägt ist: Was zählt, ist das eigene Verlangen nach Alkohol.
„Bei den AA kannst du nichts werden, außer trocken“, sagt Gerda. Die AA bieten keine Sozialdienste an, stellen weder Unterkunft, Kleider noch Arbeit oder Geld zur Verfügung. Die Gemeinschaft der AA behauptet nicht, sie hätte die einzige Lösung für das Alkoholproblem gefunden und sieht sich auch nicht als Abstinenzbewegung. Aber: „Mit den AA macht das Trinken keinen Spaß mehr“, sagt Elfriede.

Mirjam Bromundt, Bettina Enzenhofer

Fußnoten:
(1) Wlassak, Grundriß der Alkoholfrage 1929 in Karl, Rudolf: Zur Entstehung der Trunksucht bei Frauen 1938
(2) Julien, Robert M., Drogen und Psychopharmaka, Heidelberg, 1997, S. 121-122
(3) Name von der Redaktion geändert
(4) Name von der Redaktion geändert
(5) Name von der Redaktion geändert
(6) Präambel der Anonymen Alkoholiker
(7) 3. Schritt, Blaues Buch der Anonymen Alkoholiker

Dieser Text erschien zuerst in an.schläge Dezember 2006/Jänner 2007.

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