„Inklusives Yoga sollte Standard sein“

Für ihr inklusives Yoga hat Patricia Amrita Pöchhacker bereits Preise abgeräumt. Was zeichnet ihre Yogapraxis aus? Bettina Enzenhofer hat nachgefragt.

Patricia Amrita Pöchhacker hält die Skulptur des Österreichischen Inklusionspreises 2025 und lacht in die Kamera.
Patricia Amrita Pöchhacker wurde 2025 mit dem Österreichischen Inklusionspreis ausgezeichnet. Foto: privat

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Das ist die Zusammenfassung von einem Interview mit Patricia Amrita Pöchhacker. Sie ist Yoga-Lehrerin und bietet inklusives Yoga an.

Inklusives Yoga bedeutet: Viele verschiedene Menschen können mitmachen. Dazu verwendet Patricia Amrita Pöchhacker zum Beispiel unterstützte Kommunikation und einfache Sprache. Ihr Unterricht ist bedürfnis-orientiert. Das bedeutet: Sie bietet verschiedene Varianten an und die Teilnehmer*innen entscheiden, was für sie passt. In ihrem Yoga geht es nicht um Leistung, sondern im Mittelpunkt steht die Erfahrung der einzelnen Teilnehmer*innen. Sie bekommen viele Wahl-Möglichkeiten statt Vorgaben, zum Beispiel kann die End-Position individuell unterschiedlich sein. Für Patricia Amrita Pöchhacker ist wichtig: Während der Yoga-Einheit gibt es kein „richtig“ oder „falsch“.

Patricia Amrita Pöchhacker bildet auch neue Yoga-Lehrende aus – Menschen mit und ohne Behinderungen. Dabei vermittelt sie konkret, wie Yoga-Lehrende ihren Yoga-Unterricht inklusiv gestalten können. Patricia Amrita Pöchhacker sagt: Yoga-Lehrende sollen Vielfalt mitdenken und Barrieren abbauen. Sie sollen Menschen und ihre Bedürfnisse ernst nehmen.

Aktuell gibt es aber noch viele Barrieren in der Yoga-Szene. Patricia Amrita Pöchhacker findet: Eine „offene Haltung“ ist zu wenig. Stattdessen muss Yoga-Unterricht tatsächlich zugänglich sein. Und: Inklusives Yoga sollte Standard sein.

Bettina Enzenhofer hat diese Zusammenfassung geschrieben. Hast du Fragen zum Text? Schreib an die Redaktion: be(at)ourbodies.at

Bettina Enzenhofer: Du bietest adaptives und inklusives Yoga an: Yoga, das für viele Menschen zugänglich ist. Was unterscheidet deine Art Yoga zu unterrichten von anderen Anbieter*innen?

Patricia Amrita Pöchhacker: Ich unterrichte nicht „eine Form von Yoga für alle“, sondern gestalte Yoga so, dass viele verschiedene Menschen darin Platz finden und eine Wahlmöglichkeit haben.

Das bedeutet konkret: Wahlmöglichkeiten statt Vorgaben, individuelle Zugänge statt Idealbilder und ein Fokus auf Erfahrung statt Leistung. Dazu gehört auch unterstützte Kommunikation, traumasensible, genderneutrale und einfache Sprache, ein Angebot an Stimmingtools (Hilfsmittel, die zum Beispiel neurodivergente Menschen zur Selbstregulation verwenden können, Anm.) und eine Rückzugsmöglichkeit.

Bettina Enzenhofer: Was bedeutet ein bedürfnisorientierter, traumasensibler, genderneutraler Unterricht in einfacher Sprache konkret – wie setzt du das um?

Patricia Amrita Pöchhacker: Bedürfnisorientiert heißt: Ich biete Varianten an – mit und ohne Hilfsmittel oder die eigene Vorstellungskraft als Hilfsmittel – und ermutige zur Selbstwahrnehmung. Teilnehmende entscheiden, was gerade passt.

Traumasensibel: Ich kläre vorab, was auf die Teilnehmer*innen zukommt. Keine Überforderung, keine überraschenden Berührungen, klare Sprache, Wahlfreiheit und ein Gefühl von Kontrolle.

Genderneutral: Ich spreche inklusiv und vermeide Zuschreibungen zu Körpern oder Identitäten.

Einfache Sprache: Klare, verständliche Anleitungen auch mit Bildern und textunterstützt (unterstützte Kommunikation). Ich erkläre Begriffe und lade auch während der Einheit dazu ein, Fragen zu stellen, damit wirklich alle folgen können.

Bettina Enzenhofer: Viele Menschen erleben Yoga-Räume als wertend: „zu viel“, „zu wenig“, „nicht flexibel genug“. Wie gehst du mit diesen Normen in deinen Stunden um?

Patricia Amrita Pöchhacker: Ich spreche aktiv darüber, dass es kein „richtig“ oder „falsch“ gibt. Ich vermeide leistungsorientierte Sprache und benenne Vielfalt als Normalität. In meinem Unterricht gibt es eine individuelle „Endposition“ und keine Posenhierarchie. Der Fokus liegt auf Wahrnehmung statt Vergleich.

Bettina Enzenhofer: Wie gehst du damit um, wenn Teilnehmende unterschiedliche Bedürfnisse haben, die sich scheinbar widersprechen – etwa Ruhe und Stimulation, Struktur und Offenheit?

Patricia Amrita Pöchhacker: Ich arbeite mit Parallel-Angeboten statt mit Einheitslösungen. Zum Beispiel sage ich beim Ankommen: „Der Körper kommt zur Ruhe. Wenn Bewegungslosigkeit für dich nicht zugänglich oder unangenehm ist, dann bewege sanft und langsam deine Finger.“ Ich halte den Raum so, dass Unterschiedlichkeit nebeneinander existieren darf – nicht als Problem, sondern als Realität.

Bettina Enzenhofer: Wie gestaltest du Räume so, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Körperbedürfnissen sicher fühlen können – auch dann, wenn sie selbst noch gar nicht wissen, was ihnen guttut?

Patricia Amrita Pöchhacker: Ich spreche von Beobachten und Wahrnehmen statt Fühlen. Und ich nutze Anker im Außen, zum Beispiel aktiv in den Boden drücken, atmen und die Veränderung des Kontakts zur Kleidung wahrnehmen. Ich gebe viel Orientierung – visuell, verbal, rhythmisch –, Wiederholungen und eine klare Struktur. Die Teilnehmer*innen haben die Erlaubnis, jederzeit zu pausieren oder auszusteigen. Hilfsmittel wie Stuhl, Wand, Props sind selbstverständlich integriert. Ich gestalte eine Atmosphäre, in der „nicht wissen“ völlig okay ist. Sicherheit entsteht nicht nur durch Kontrolle, sondern durch Vorhersehbarkeit und Wahlmöglichkeiten.

Bettina Enzenhofer: Du bildest auch Yoga-Lehrende aus – Menschen mit und ohne Behinderungen. Was ist dir in der Ausbildung besonders wichtig?

Patricia Amrita Pöchhacker: Mir ist wichtig, dass angehende Lehrende lernen, nicht normativ zu unterrichten. Das heißt: Vielfalt mitdenken, Sprache reflektieren, Barrieren erkennen und abbauen, im Dialog mit den Teilnehmer*innen sein, Fragen stellen, Feedback aus dem Communities holen, selbst alles ausprobieren – auch die eigene Praxis zum Beispiel mit Augenmaske, Gewichtsmanschetten oder am Stuhl machen. Und mir ist die radikale Akzeptanz wichtig, dass die eigene Lebensrealität nicht die einzige ist. Ich vermittle konkrete Tools für inklusiven Unterricht – aber auch Haltung: Zuhören, Unsicherheit aushalten und Machtstrukturen hinterfragen.

Bettina Enzenhofer: Was können Yogalehrende tun, um inklusiver zu werden?

Patricia Amrita Pöchhacker: Unterrichten ist Dienen, kein Darstellen auf einer Bühne. Wichtig ist, Menschen und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen, sie als Expert*innen für ihre eigenen Körper zu sehen. Es gibt viele Ansatzpunkte, um inklusiver zu werden: Zum Beispiel mehr Optionen statt nur eine „Endform“ anbieten, Bewegung spiegeln, das räumliche Setting mitdenken: zum Beispiel die Position der Teilnehmer:innen, Licht, Geräusche. Sprache vereinfachen und reflektieren und unterstützte Kommunikation anbieten. Yogalehrende sollten Zugangshürden sichtbar machen – räumlich, finanziell, kommunikativ. Viele Infos zur Barrierefreiheit können sie schon vorab kommunizieren, zum Beispiel auf der Website. Yogalehrende sollten hinsehen, zuhören und nie aufhören zu lernen – und sich besonders im Bereich Inklusion und Trauma weiterbilden.

Bettina Enzenhofer: Welche Barrieren siehst du in der Yogaszene in Österreich, und welche Veränderungen bräuchte es, um Yoga wirklich inklusiver zu machen?

Patricia Amrita Pöchhacker: Die meisten Räume sind noch sehr normativ: körperlich, sprachlich und sozial. Barrieren sind zum Beispiel fehlende räumliche oder sprachliche Barrierefreiheit, hohe Kosten, bestimmte Körperideale und wenig Diversität bei Lehrenden. Es braucht strukturelle Veränderungen – nicht nur eine „offene Haltung“, sondern konkrete Zugänglichkeit.

Bettina Enzenhofer: Welche Vorurteile über Behinderungen, Neurodivergenzen oder chronische Erkrankungen gibt es in der Yogaszene, und was setzt du ihnen entgegen?

Patricia Amrita Pöchhacker: Vorurteile sind zum Beispiel, dass Menschen mit Behinderung kein Yoga machen können, dass Neurodivergenz ein Hindernis für die Praxis sei, dass Yoga ruhig, still und kontrolliert sein müsse und nur für junge, flexible, schlanke Körper sei. Ich zeige in meiner Arbeit, dass Yoga vielfältig sein kann: laut, leise, bewegt, angepasst, herausfordernd – und trotzdem (oder gerade deshalb) wirksam.

Bettina Enzenhofer: Du bist queer und autistisch, hast ADS, eine Autoimmunkrankheit und chronische Depressionen. Wie hat deine Lebensrealität deine Idee von inklusivem Yoga beeinflusst?

Patricia Amrita Pöchhacker: Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, wie viele Räume und Ausbildungen ausschließen – oft subtil. Dadurch ist mein Zugang sehr klar geworden: Yoga muss sich an das reale Leben anpassen, nicht an Ideale – die teilweise so auch nie in den Yogaschriften standen, darauf fokussiert meine Abschlussarbeit an der Uni Hamburg. Ich arbeite nicht trotz meiner Erfahrungen so, sondern genau deswegen. Inklusives Yoga ist für mich kein Konzept, sondern gelebte Notwendigkeit – inklusives Yoga sollte der Standard sein.

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