Trend „Longevity“: Gesundheit als Status-Projekt
Wer gesund alt werden will, soll seinen Körper optimieren. Doch Gesundheit hängt weitaus stärker von sozialen Verhältnissen ab als von der perfekten Morgenroutine. Von Brigitte Theißl

Das ist die Zusammenfassung von einem Kommentar zum Thema „Longevity“ und dem Gesundheits-Begriff. Die Journalistin und Autorin Brigitte Theißl hat den Kommentar geschrieben.
„Longevity“ bedeutet auf Deutsch Langlebigkeit. Mit diesem Begriff werden verschiedene Wellness-Behandlungen und medizinische Angebote beworben. Menschen sollen so möglichst gesund alt werden. Das ist aktuell ein großer Trend. Zum Beispiel werden spezielle Infusionen und Kälte-Behandlungen verkauft. Aber auch gesunde Ernährung, viel Schlaf und wenig Stress werden als Longevity-Tipps vermarktet. Viele solcher Tipps sind sehr sinnvoll: zum Beispiel ist es gut für die Gesundheit, Stress zu vermeiden.
Menschen haben aber sehr unterschiedliche Voraussetzungen. Wer zum Beispiel viel Stress im Job hat oder sich ständig um eine chronische Krankheit kümmern muss, kann Stress nicht einfach vermeiden. Und auch für teure Lebensmittel oder Behandlungen haben viele Menschen kein Geld. Gesundheit ist also auch eine Klassenfrage.
Longevity sendet aber die Botschaft: Jeder muss sich um seine eigene Gesundheit kümmern. Wer das macht, kann gesund alt werden. Das ist eine gefährliche Entwicklung, sagt Brigitte Theißl. Gesundheit für alle ist nämlich eine gesellschaftliche Aufgabe und braucht Solidarität.
Die Welt-Gesundheits-Organisation hat schon im Jahr 1986 erklärt: Gesundheit für alle braucht unter anderem soziale Gerechtigkeit, Frieden und eine gesunde Umwelt. Brigitte Theißl sagt: Wir müssen uns alle für einen solchen solidarischen Gesundheits-Begriff einsetzen.
Brigitte Theißl hat diese Zusammenfassung geschrieben. Hast du Fragen zum Text? Schreib an die Redaktion: be(at)ourbodies.at
Dreißig Minuten im „Human Regenerator“ für rund 250 Euro, 400 Euro für eine Infusionstherapie, die als „Jungbrunnen“ beworben wird. Fragwürdige Wellness-Angebote wie diese finden sich auf den Websites von „Longevity“-Zentren, die inzwischen in jeder größeren Stadt zu finden sind. Longevity, also Langlebigkeit hat sich als diffuser Begriff zum gesundheitlichen Megatrend entwickelt. Die Grundidee dahinter macht durchaus Sinn: Menschen sollen nicht nur möglichst alt werden, sondern vor allem ihre gesunden Jahre im Alter steigern – also auch im hohen Alter noch eine bestmögliche Lebensqualität genießen können.
Gesundheit als Klassenfrage
Tatsächlich schneidet Österreich im EU-Durchschnitt schlecht ab bei der gesunden Lebenserwartung: 2021 betrug die durchschnittliche Zahl der Lebensjahre in guter Gesundheit bei Frauen 61,3 Jahre und 61,5 Jahren bei Männern (EU-Durchschnitt: 64,2 und 63,1 Jahre).
Wie eine Studie der Medizinischen Universität Wien zeigte, spielen hier sozioökonomische Bedingungen, also Faktoren wie Einkommen und Bildung, eine zentrale Rolle. Menschen mit geringem Einkommen und niedriger Formalbildung haben eine schlechtere körperliche und psychische Gesundheit und sind stärker gesundheitlichen Risiken ausgesetzt – so lassen sich die Forschungsergebnisse zu Gesundheit und sozialer Ungleichheit zusammenfassen. Gesundheit ist also eine Klassenfrage.
Ungesunde Verhältnisse
Longevity aber interessiert sich weder für soziale Ungleichheit noch für Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie stellt vielmehr die Spitze einer besorgniserregenden Entwicklung dar: Gesundheit wird zur individuellen Verantwortung erklärt; fit und leistungsfähig bis ins hohe Alter zu sein, haben Menschen vorgeblich selbst in der Hand.
Longevity umfasst dabei nicht nur überteuerte Nahrungsergänzungsmittel, Kältebehandlungen und sonstige Angebote, die oft mit Verweisen auf wissenschaftliche Erkenntnissen zum Alterungsprozess beworben werden – belegte Vorteile beschränken sich jedoch häufig auf kurzzeitige Effekte und eine dünne Studienlage. Der Begriff ist mittlerweile auch in Ärzt*innenpraxen und bei Influencer*innen angekommen, die ihre Follower*innen mit zum „Longevity“-Einkauf in den Drogeriemarkt nehmen: Bulgur und Buchweizen, dazu Fermentiertes und „gute“ Fette – optimierte Ernährung ist ein wichtiger Baustein der Longevity. Stress zu reduzieren, bei Meditation und Achtsamkeitstraining zu entspannen, Sport zu treiben und auf Tabak und Alkohol möglichst zu verzichten: Auch solche Langlebigkeits-Tipps machen durchaus Sinn. Das Problem nur: Wer an seinem Arbeitsplatz täglich massivem Stress ausgesetzt ist und den Job nicht einfach kündigen kann, wer jeden Monat gerade so über die Runden kommt und kein Geld übrig hat für frisches Bio-Gemüse, geschweige denn Nussmuß und Chia-Samen, wer ausgebrannt ist von kräftezehrender Care-Arbeit, wer damit beschäftigt ist, die eigene chronische Erkrankung zu managen und mit Bürokratie und schlechter Versorgung kämpft, wer in einer schimmligen, einer beengten und überhitzten Wohnung wohnt, wer im Alltag Sexismus, Rassismus oder Queerfeindlichkeit und damit massiven Stress erlebt, hat wenig Nutzen von einer Meditations-App. Die Voraussetzungen dafür, gesund zu leben, sind also höchst ungleich verteilt – und werden trotzdem als individuelle Entscheidungen behandelt.
Die Schere zwischen Arm und Reich, die seit Jahren immer größer wird, schlägt sich auch in der Gesundheit nieder. Dass Milliardäre vom ewigen Leben träumen und riesige Summen in Alters- und Langlebigkeitsforschung investieren, ist vor diesem Hintergrund wenig überraschend. Doch selbst wenn daraus medizinische Fortschritte entstehen: Die entscheidende Frage bleibt, wer Zugang zu ihnen haben wird.
Gesundheit für alle
Gesamtgesellschaftlich stehen wir ohnehin vor ganz anderen Herausforderungen. Die rasant fortschreitende Klimakrise führt uns aktuell drastisch vor Augen, dass gute Lebensbedingungen für alle nur solidarisch organisiert werden können. Die aktuelle Hitzewelle in Europa forderte mehr als 10.000 zusätzliche Todesopfer, Bewohner*innen müssen vor Waldbränden flüchten, arbeiten ungeschützt in der Hitze oder erleben Ängste und verstärkte Nebenwirkungen durch ihre Medikamente.
Menschen in dieser Krise sich selbst zu überlassen, wäre unverantwortlich. Sich solidarisch zu zeigen, heißt vielleicht, Menschen im Umfeld und in der Nachbarschaft zu unterstützen, aber sich auch politisch für einen erneuerten, solidarischen Gesundheitsbegriff einzusetzen. Die gute Nachricht: dabei müssen wir keineswegs von Null beginnen. Schon 1986 hat die Weltgesundheitsorganisation in der Ottawa Charter for Health Promotion „Gesundheit für alle“ festgeschrieben. Darin heißt es: „Grundlegende Bedingungen und konstituierende Momente von Gesundheit sind Frieden, angemessene Wohnbedingungen, Bildung, Ernährung, Einkommen, ein stabiles Öko-System, eine sorgfältige Verwendung vorhandener Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Jede Verbesserung des Gesundheitszustandes ist zwangsläufig fest an diese Grundvoraussetzungen gebunden.“ Von Vitamin-Infusionen und Kältekammer ist dort nichts zu lesen.
In diesem Kommentar sind vereinzelt Auszüge aus dem Buch der Autorin zu finden:
Betina Aumair und Brigitte Theißl: Ungesunde Verhältnisse. Wie Klasse unser Leben bestimmt. Haymon Verlag 2026