Wenn neue Sichtbarkeit an alte Fragen erinnert

Heute sind trans Personen sichtbarer als noch vor einigen Jahren. Das kann Fragen aufwerfen – Felix L. Ihrig liefert Denkanstöße.

Zebrastreifen in den Farben der Trans-Flagge
Foto: Chewie

Inhalt in Einfacher Sprache

Das ist die Zusammenfassung von einem Text zum Thema Trans. Viele Menschen haben Fragen zu diesem Thema. Felix L. Ihrig ist Wissenschaftler, hat den Text geschrieben und gibt Denk-Anstöße zu diesen Fragen.

Eine Frage kann zum Beispiel sein: Ist es ein Trend, trans zu sein?
In offiziellen Umfragen sagen heute 4 Prozent: Ich bin trans. Früher waren es nur 0,5 Prozent. So einen Anstieg kennt man auch in anderen Bereichen. Zum Beispiel gab es einen Anstieg von Linkshänder*innen, als das Schreiben mit der linken Hand in Schulen erlaubt wurde. Auch trans Personen können heute sichtbarer sein als früher. Denn die rechtliche und soziale Lage sowie die medizinischen Möglichkeiten sind für trans Personen heute besser. Sichtbarkeit kann aber auch das Risiko erhöhen, angefeindet zu werden.

Eine andere Frage kann sein: Muss das sein, den Körper so stark zu verändern? Felix L. Ihrig sagt dazu: Wir alle haben ein Gefühl dazu, wer wir sind. Wenn das aber nicht mit dem übereinstimmt, wie uns andere wahrnehmen, dann kann das belasten. Manche der Geschlechts-Merkmale kann man verändern, zum Beispiel mit Hormonen oder einer Operation. Bis 1983 war es für trans Personen in Österreich verboten, so eine Operation zu machen. Von 1983 bis 2009 war eine Operation wiederum Pflicht, wenn trans Personen ihren Namen oder ihre Geschlechts-Zugehörigkeit ändern wollten. Heute müssen trans Personen zuerst beweisen, dass sie trans sind. Danach dürfen sie Hormon-Behandlungen oder Operationen machen und ihren Namen und ihre Geschlechts-Zugehörigkeit ändern. Im Gegensatz dazu dürfen cis Personen Hormon-Behandlungen machen, sobald sie Beschwerden haben, zum Beispiel in den Wechseljahren oder bei Haarausfall. Cis Personen müssen vorher nicht beweisen, dass sie cis sind.

Eine weitere Frage kann sein: Was ist, wenn das trans-Sein nur eine Phase ist? Felix L. Ihrig sagt: Menschen verändern sich ständig. Und wir alle entscheiden uns ständig für etwas, das man nicht rückgängig machen kann. Wichtig ist: Man soll wissen, worauf man sich einlässt. Und man soll jederzeit die Möglichkeit haben, den Umgang mit dem eigenen Körper selbstbestimmt anzupassen.

Bettina Enzenhofer hat diese Zusammenfassung geschrieben. Hast du Fragen zum Text? Schreib an die Redaktion: be(at)ourbodies.at

Ist „trans sein“ ein Trend?
Wird Geschlecht bald irrelevant?
Muss das sein, den eigenen Körper so stark zu verändern?
Sollten Kinder ihre Geschlechtsidentität nicht ohne Einflüsse von außen entwickeln?
Was, wenn die aktuelle Identifizierung eine Phase ist, und später ist alles wieder anders?

Dieser Text ist für alle, die sich aktuell mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigen. Für mich war es wichtig, über viele Jahre hinweg meine eigenen Antworten auf diese Fragen zu finden. Deswegen liefert dieser Text Informationen, Denkanstöße und Änderungsvorschläge – aber nicht so eindeutige Lösungen, wie sich das manche vielleicht wünschen.

Ist „trans sein“ ein Trend?

Wenn überall um uns herum etwas immer häufiger wird, dann ist es naheliegend, es für einen Trend zu halten. Tatsächlich ist der Anteil an Personen, die sich in offiziellen Umfragen als trans identifizieren, in den letzten Jahrzehnten von ca. 0,5 % auf ca. 4 % angestiegen. In Mitteleuropa und Nordamerika(1) werden dazu seit etwa 70 Jahren offizielle Zahlen erfasst bzw. anhand verfügbarer Informationen geschätzt.

Ähnliche Häufigkeitsanstiege wurden z. B. beobachtet, nachdem in den 1970ern das Schreiben mit der linken Hand an Schulen erlaubt oder homosexuelle Handlungen entkriminalisiert wurden. Der vermeintliche Trend ist also einer verbesserten rechtlichen und sozialen Lage, medizinischen Möglichkeiten, sowie mehr Sichtbarkeit geschuldet. 

Sichtbarkeit ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Einerseits entsteht eher ein Bewusstsein für das Thema und die Möglichkeit, selbst „so zu sein“. Mehr Vorbilder zu haben, bedeutet eher erkennen zu können, wer man selbst ist. Und rechtlicher Schutz heißt, nicht mehr auf Selbstschutz angewiesen zu sein. Menschen, die sich vorher verstecken mussten, erfahren das Glück, sich zeigen zu dürfen. Andererseits steigt mit Sichtbarkeit auch die Gefahr, Ausgrenzung und Anfeindungen zu erfahren.

Wird Geschlecht bald irrelevant?

Die Wahrnehmung von Geschlecht ist ein essenzieller Aspekt gesellschaftlichen Zusammenlebens – meist teilen wir Menschen innerhalb weniger Sekunden unbewusst als Mann oder Frau ein. Laut Kate Bornstein braucht es mindestens 4 deutlich feminin wahrgenommene Körpermerkmale, damit jemand als Frau eingeordnet wird – alle anderen „sind“ Männer oder sorgen für Verwirrung. Denn die Erwartungshaltung, dass wir einem von zwei Geschlechtern angehören, ist schon lange in der mitteleuropäischen Kultur festgeschrieben und stark prägend für unseren Umgang miteinander. 

Obwohl trans Personen mehr Akzeptanz erfahren als früher, bleibt die Erwartungshaltung, dass sie, wenn sie nicht mehr auf der einen Seite des Spektrums stehen, ganz auf die andere Seite wechseln. Wenn sie damit nicht auffallen, also nicht als trans Personen erkannt werden, wird das auch als Cis-Passing bezeichnet. Für all jene Personen, die das nicht erreichen können oder (was übrigens recht häufig der Fall ist) nicht erreichen wollen, bedeutet dieses „von anderen wahrgenommen und eingeteilt werden“ also oft, Verwirrung auszulösen. Die meisten Menschen fühlen sich nicht wohl damit, ein Auslöser von Irritation für andere zu sein und so führt die Konfrontation mit gesellschaftlichen Normen und den Blicken oder Äußerungen anderer häufig zu enormer psychischer Belastung.

Muss das sein, den eigenen Körper so stark zu verändern?

Wir alle, egal ob cis oder trans, haben ein Gefühl dafür, wer wir sind. Und weil Geschlecht eine so wichtige Kategorie in den meisten Gesellschaften ist, prägt unser Gefühl dafür unsere Identität ganz besonders. Wenn unser eigenes Wissen über uns selbst im Widerspruch zur Wahrnehmung durch andere und zu deren Umgang mit uns steht, kann das sehr belastend sein. Davon können zum Beispiel cis Männer mit langen Haaren, viel Brustgewebe oder cis Frauen mit flachen Brüsten, breiten Schultern, tiefer Stimme und/oder einem Oberlippenflaum ein Lied singen. Manche dieser vergeschlechtlichten Merkmale können wir leicht verändern, manche überhaupt nicht und manche mit ein wenig medizinischer Unterstützung.

Bis 1983 war es für trans Personen in Österreich verboten Operationen an geschlechtsbezogenen Körperteilen vorzunehmen. Dann änderte sich die Gesetzeslage radikal – aus Kriminalisierung wurde Operationszwang. Zwischen 1983 und 2009 war es verpflichtend, solche Operationen durchführen zu lassen, wenn trans Personen ihren Namen oder Geschlechtseintrag im Personenstandsregister ändern wollten. Alle trans Personen, die in dieser Zeit ihren Namen geändert haben, sind also zu Unfruchtbarkeit und der Inkaufnahme medizinischer Risiken gezwungen worden. Seit 2009 sind diese Änderungen auch ohne Operationen möglich und Operationen als ein potentieller Transitionsschritt zugelassen.

Cis Personen, deren Körper nicht die „richtige“ (es wird sich am Durchschnitt orientiert – falsch ist also, was zu sehr abweicht) Menge an Hormonen produzieren, dürfen oder sollen diese aus medizinischer Sicht extern zuführen oder mit medizinischen Mitteln die Produktion anregen. Beispiele hierfür sind Frauen in den Wechseljahren, mit unerfülltem Kinderwunsch oder starker Körperbehaarung, sowie Männer mit unerfülltem Kinderwunsch, Haarausfall oder geringer Libido.

Trans Personen müssen hingegen beweisen, dass sie trans sind und sich auf dieser Basis eine Erlaubnis für die gleichen Hormonbehandlungen und auch die oben angesprochenen Operationen sowie sogar die amtliche Änderung von Namen oder Geschlechtseintrag holen. Dazu muss in Österreich von je einer Fachperson aus Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie „nach eingehender Prüfung“ eine schriftliche Bestätigung ausgestellt werden. Sollte eine Operation angestrebt werden, beginnt danach die Wartezeit auf einen Termin, welche je nach Operation zwischen einem halben und bis zu 5 Jahren beträgt. Manche Operationen werden in Österreich nicht angeboten. 

Es stellt sich die Frage, warum einem Teil der Bevölkerung medizinische Maßnahmen ermöglicht oder sogar vorgeschlagen werden, während andere dafür kämpfen müssen. Aus meiner Sicht widerspricht das dem Gedanken von körperlicher Selbstbestimmung und dem in der Medizin sonst gängigen Modell des „informed consent“. Dieses Prinzip bedeutet, dass eine Person von Fachpersonal über Optionen und Risiken medizinischer Maßnahmen detailliert informiert wird und beide gemeinsam eine Entscheidung treffen. Für die angemessene Informationsweitergabe und die spätere Durchführung trägt zwar die medizinische Seite die Verantwortung, aber im Rahmen der medizinisch möglichen und risikoarmen Optionen bleibt die Entscheidung, was letztendlich getan wird, bei den Patient*innen. In der Theorie sollte dieses Vorgehen auch für trans Personen gelten – tut es aber nicht.

Nun könnte man vermuten, dass eine Diagnosestellung als krank notwendig ist, um medizinische Versorgung zu erhalten. Das wird aber beispielsweise bei Schwangeren durchaus anders gehandhabt. Diese werden nicht als krank betrachtet, aber die Notwendigkeit medizinischer Versorgung würde niemand bestreiten.

Sollten Kinder ihre Geschlechtsidentität nicht ohne Einflüsse von außen entwickeln?

Die oben angesprochene Diskrepanz im Umgang mit körperlichen Geschlechtsmerkmalen und Hormonen besteht nicht nur zwischen cis und trans Personen, sondern auch in Bezug auf inter* Personen. Was die einen ermöglicht und die anderen verweigert bekommen, wird letzteren aufgezwungen. Wenn ihre äußeren Geschlechtsmerkmale nicht „eindeutig männlich oder weiblich aussehen“, dürfen Babys in Österreich nach wie vor operiert werden und meist wird den Eltern dies auch empfohlen. Oft werden die Kinder über die schon vorgenommenen Operationen auch später nicht informiert und finden nicht selten durch Zufall in ihrer Jugend heraus, dass ihr Körper anders ist als sie dachten. Auch Hormone bekommen viele inter* Personen schon in ihrer frühen Jugend ungefragt verabreicht, wenn die Pubertät ausbleibt oder in eine unerwartete Richtung geht. Eine aktive Hormonzuführung (abgesehen von hormonellen Verhütungsmitteln) oder Operationen an Geschlechtsmerkmalen sind im Gegensatz dazu sowohl für trans Kinder bzw. Jugendliche als auch für cis-endo (also jene, die weder inter* noch trans sind) in Österreich nicht zulässig.

Wenn cis-endo Jugendliche zu früh in die Pubertät kommen, werden ihnen oft Hormonblocker gegeben. Was „zu früh“ ist, entscheidet auch hier wieder der Durchschnitt, bzw. die gesellschaftliche Vorstellung davon, wie lange Kinder Kinder bleiben und noch nicht erwachsen werden sollen. Trans Kinder hingegen bekommen die gleichen Hormonblocker, deren Anwendung durchaus erprobt und sicher ist, oft nicht oder erst nach langen Diskussionen und Verhandlungen mit medizinischem Personal. Es gibt so viele Wege, Männlichkeit oder Weiblichkeit zu empfinden und auszudrücken. Wäre es da nicht angemessener, sich an dem Bedarf des Kindes zu orientieren und ihm, wenn es deutlich kommuniziert diese zu brauchen, mehr Zeit zu verschaffen? Zeit, in der es sich selbst finden und sicher sein kann, welche „Art“ Erwachsener es werden möchte. Könnte es nicht befreiend sein, wenn wir Menschen erlauben würden, ein wenig explorativer mit Geschlecht umzugehen?

Was, wenn die aktuelle Identifizierung eine Phase ist, und später ist alles wieder anders?

So viel „Geschlechter-Spielraum“ könnte manche Menschen überfordern oder dazu verleiten vorübergehend eine Richtung einzuschlagen, in der sie sich langfristig nicht wohlfühlen würden. Aber wäre das wirklich so schlimm? Menschen verändern sich ständig – wir alle sind nicht, wer wir noch vor ein paar Monaten waren, und schon gar nicht, wer wir vor vielen Jahren waren. Und gleichzeitig sind wir doch auch immer noch dieselbe Person. Und wir tun ständig Dinge, die gar nicht oder nur schwer wieder rückgängig gemacht werden können. 

Bei der gängigen Vorstellung, dass trans Personen meist von einer Seite des Spektrums zur anderen wandern, werden Hormone als essenzieller Faktor betrachtet. Tatsächlich ist „medizinische Transition“ nur eine von vielen Ebenen, neben z. B. rechtlicher (Namensänderung etc.) und sozialer Transition. 

Wenn Menschen, die eine Zeit lang Hormone genommen haben, diese absetzen, wird das oft als Detransition bezeichnet, weil es auf den ersten Blick wirkt, als würde eine Person „wieder zurück auf die andere Seite wechseln“. Das ist übrigens viel seltener als angenommen: Von den genannten 4 % trans Personen in der Bevölkerung tun das nur etwa 1 %. Zudem sind die Gründe deutlich vielschichtiger. Oft werden trans Personen so viele Steine in den Weg gelegt oder sie bekommen so viel Gegenwind, dass sie irgendwann aufgeben und sich lieber wieder in ihr Versteck zurückziehen, anstatt offen als trans Person zu leben. 

Bei den meisten Personen ist das, was wie eine Detransition aussieht, einfach ein veränderter Zugang zum eigenen Körper und zu Geschlecht. Ich möchte hierfür die Perspektive vorschlagen, dass es sehr zu begrüßen ist, wenn Menschen Schritte gehen, die sie näher zu sich selbst bringen und glücklicher machen. Selbst wenn diese Schritte nicht geradlinig passieren. Manchmal ist das, was uns gestern gutgetan hat nicht das, was uns morgen auch gut tun wird. Aus dieser Perspektive kann alles der richtige Weg sein: einige Jahre Hormone zu nehmen und dann nicht mehr, nie welche zu nehmen oder für immer welche zu nehmen. Solange die Person zu dem Zeitpunkt, zu dem sie die jeweilige Entscheidung trifft, weiß, worauf sie sich einlässt und damit zufrieden ist, sowie jederzeit die Möglichkeit hat den Umgang mit dem eigenen Körper selbstbestimmt anzupassen. Dieses sich ständige Verändern des Körpers und unseres Selbst anzunehmen, macht doch das menschliche Leben aus. Wäre es nicht besser, wenn wir Menschen selbst bestimmen lassen, was mit ihrem Körper passiert, anstatt die Freiheit, das eigene Geschlecht auf eine bestimmte Art nach außen zu zeigen, an medizinische Erlaubnis zu knüpfen?

(1) Über Zahlen in anderen Teilen der Welt maße ich mir hier nicht an Aussagen zu treffen. Es sei aber als Randnotiz erwähnt, dass die meisten indigenen Kulturen in den Amerikas, Asien, Ozeanien und Afrika schon immer nicht nur mehr als zwei Geschlechter kennen, sondern der Bandbreite und Fluidität von Geschlecht auch eine andere und meist deutlich positivere Relevanz beimessen. Mehr Informationen hierzu finden sich z. B. in den Werken von Alok Vaid-Menon.

Felix L. Ihrig hat Psychologie und Gender Studies studiert. Felix arbeitet aktuell an einer Doktorarbeit im Fach Soziologie an der Uni Wien. Darin beschäftigt sich Felix mit der Gesundheitsversorgung von trans Personen in Österreich und hat dafür in den letzten Jahren viel mit trans und cis Politiker*innen, trans und cis Mediziner*innen sowie anderen trans Personen gesprochen. Privat engagiert sich Felix im Sportverein „Vienna Roller Derby“ und singt im „Vienna Gay Men’s Chorus“.

Inhalt in Einfacher Sprache

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetuer adipiscing elit. Aenean commodo ligula eget dolor. Aenean massa. Cum sociis natoque penatibus et magnis dis parturient montes, nascetur ridiculus mus. Donec quam felis, ultricies nec, pellentesque eu, pretium quis, sem. Nulla consequat massa quis enim. Donec pede justo, fringilla vel, aliquet nec, vulputate eget, arcu. In enim justo, rhoncus ut, imperdiet a, venenatis vitae, justo. Nullam dictum felis eu pede mollis pretium. Integer tincidunt. Cras dapibu

Teilen:
Zum Inhalt springen